Archäozoologin Kerstin Pasda
Fundspektrum
Die Datierung der Befunde reicht vom Frühmittelalter (7./8. Jh.) bis zum Spätmittelalter (14./15. Jh.). Mit insgesamt 70 Arten, die bis auf Speziesniveau bestimmt werden konnten, war eine reichhaltige Fauna im Kloster Lorsch vertreten. Neben Funden vom Menschen konnten 14 Haustierarten, 55 Wildtierspezies und weitere Reste von nicht näher bestimmten kleinen Karnivoren, Vögeln, Mäusen, Lurchen, Fischen und Muscheln bzw. Schnecken identifiziert werden.

Fundanteil der Haustiere insgesamt im Fundmaterial

Das gesamte Fundspektrum des in verschiedenen Bereichen des Klosterareals ausgegrabenen Materials bietet gute Anhaltspunkte, um die Zusammensetzung und die Qualität der monastischen Ernährung und mögliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen der im Klosterareal lebenden Menschen zu untersuchen. Daher werden die Ergebnisse nach der Datenerhebung synchron und diachron nach verschiedenen Aspekten analysiert werden. Ein Aspekt ist die Regelkonformität der Ernährung. Erkenntnisse zur Einhaltung oder zum Abweichen von den benediktinischen Ernährungsvorschriften sind besonders im Bereich von Abfallbereichen der Mönche zu erwarten. In der Mönchslatrine ist ein vergleichsweiser hoher Anteil von Geflügel erkennbar, jedoch sind auch besonders viele Wildtiere vorhanden. Rind und Schwein waren nonkonform zur benediktinischen Speisevorschrift ebenfalls häufig auf dem Speiseplan.  

Mögliche Auswirkungen des Ordenswechsels zwischen Benediktinern und Prämonstratensern im 13. Jh. sind ein weiterer interessanter Aspekt. Erste Hinweise auf den Ordenswechsel geben diachrone Vergleiche des osteologischen Materials der Zehntscheune, welche zeigen, dass die Phase des Ordenswechsels eine Verschiebung der Anteile bei den Wirtschaftstieren (Rind, Schwein, Schaf und Ziege) zur Folge hatte.

Typische im monastischen Umfeld zu erwartenden Tätigkeiten dürften sich ebenfalls in der Zusammensetzung des osteologischen Materials niedergeschlagen haben. So deutet ein verhältnismäßig hoher Anteil von Ziegen auf die Nutzung von Ziegenhaut (Pergament) als Beschreibmaterial hin. Eine entwickelte Teichwirtschaft, die heute im Landschaftsbild von Lorsch nicht mehr erkennbar ist, dürfte zur Zeit der Mönche bestanden haben. Fischschuppen aus Bodenproben der Mönchslatrine, die ausschließlich von Zuchtkarpfen stammten, belegen eine ausgedehnte Teichwirtschaft im Umfeld des Klosters, die jedoch heute nicht mehr erkennbar ist. Weitläufige Landschaftsveränderungen sind ebenfalls anhand der nachgewiesenen Knochen erkennbar. Ein Beispiel ist der Hinweis auf das Vorhandensein von großen Fließgewässern Verbindung zur Nordsee, da der Stör mit zahlreichen Nachweisen von ausgewachsenen, großen Fischen in Befunden der Zeit von Früh- bis Hochmittelalter nachweislich vertreten war.